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Wie aus einem kleinen Barcamp ein großer Anfang wird

Chemnitz: Oft verschmäht, aber immer öfter auch als Geheimtipp neben Hypezig und dem Silicon Saxony gehandelt, genießt manches Mal noch zu Recht seinen Ruf als etwas verschlafene Großstadt zwischen Erzgebirge und Vogtland. Manche, die von hier kommen, nennen Chemnitz liebevoll „Das größte Dorf der Welt“: Eigentlich kennt hier jeder jeden über wenige Ecken und trotzdem neigen viele dazu, am liebsten ihr Ding alleine zu machen.

Dass es in Chemnitz aber eine erwachende digitale Szene gibt, dass Start-ups gegründet werden, renommierte Agenturen hier ihren Sitz haben oder Größen aus Kunst und Medien aus der Stadt kommen, leuchtet allzu oft nur wie ein Warnschuss in die Dämmerung: „Hier Leute! Verpennt uns nicht!“ Das Colab Chemnitz hat es sich bereits mit seiner Gründung zur Aufgabe gemacht, hier Abhilfe zu schaffen: Öffentlichkeit herstellen, Debatten anstoßen, Mauern abreißen und im Mittelpunkt der Mühe: Vernetzung. Mit insgesamt über 200 Gästen bei den Veranstaltungen seit Sommer 2015 stehen wir zwar noch am Anfang eines Weges, dessen Ziel „Alle arbeiten mit“ heißt, aber es geht voran – als Hobby neben dem Beruf, mit Idealismus und Herzblut.

Ein wenig enttäuscht waren wir als Organisatoren zu Beginn des ersten „Barcamps für Digitalpioniere“ am Samstag, den 19. März 2016, dann schon. Bereits im Vorfeld ließen die Anmeldungen auf sich warten, die Hoffnung auf einige spontane Gäste erfüllte sich nur in kleinem Maße. Wir freuten uns über jeden Einzelnen, der vorbeikam, teilweise mit weiter Anreise, aber es blieb der Beigeschmack: Besonders viele Einzelne waren das nicht. Sicherlich lag das auch an den großen Konkurrenten der Chemnitzer Linuxtage und der Leipziger Buchmesse, aber nur das? Wir glauben es nicht. Das Format des Barcamps ist vielen wohl noch zu unbekannt, ein scheinbares Risiko: Vielleicht überwiegt ja auch noch die Angst davor, dass die einzelnen Themen nicht interessant werden könnten. Im Rückblick wollen wir das gleich mal aufklären:

Die Themen im Überblick

Also starteten wir: Zunächst noch mit etwas zwischen Grummeln und Flattern im Magen. Einer unwohlen Befürchtung zu enttäuschen und der Spannung, wie sich der Tag entwickeln würde. Gleich vorweg: Ohne Euch, die Teilnehmer, die ihr diese Veranstaltung so aktiv und vorbehaltlos mitgestaltet habt, hätte der Samstag nicht doch noch den Ansatz zeigen können, den wir in Chemnitz suchen. Aber Ihr habt nicht lange gefackelt, die Themen in die Runde geworfen und eine Vielfalt angeboten, die weit über das oft entgegen gebrachte Klischee des „Blogger-Barcamps“ (das wir bewusst nicht veranstalten) hinausreichten. Aber nun die Themen im Einzelnen:

  1. Social Media-Selbsthilfegruppe

Das colab:camp begann mit einer Gesprächsrunde: Jeder konnte seine Probleme mit Social Media-Angeboten in den Ring werfen und jeder, der etwas wusste, konnte etwas beitragen. Unter routinierter und tatkräftiger Moderation von „Medienspinner“ Falk Gruner haben alle Teilnehmer schnell in ein offenes Gespräch hineingefunden. Zu Gute kam sicherlich auch, dass es quasi niemanden mehr gibt, der kein Social Network nutzt. Neben den Klassikern wie Facebook und Twitter war insbesondere Snapchat als aktuelle Hype-App zentrales Thema.

  1. Mobiler Ton und Mikrofonierung

Bei dem Vortrag von Shure Deutschland ging es darum, wie analoger Ton (bspw. Sprache) zu Daten für einen Podcast oder ein Youtube-Video werden. Dabei wurde die prinzipielle Frage beantwortet, wann dynamische und wann Kondenstator-Mikrofone angebracht sind, was eine Phantom-Spannung ist und wie zeitgemäße Lösungen wie Audio-Interfaces für unterwegs eine günstige und qualitativ hochwertige Ton-Lösung bieten können.

  1. Weboptimierte Grafiken

Reisebloggerin Magda Lehnert arbeitet auf ihrem Blog twofarfromhome.de viel mit Grafiken und Typographie. Und man muss auch sagen: Alles sieht schickt aus, sehr zeitgemäß. Beste Voraussetzung also, dass die gelernte Mediengestalterin und studierende Medienmanagerin uns ein bisschen an ihrem Know-How teilhaben lässt. Sicherlich sehr lange werden jedem Teilnehmer die Sätze „Hat der Gestalter nix drauf, macht er ’nen Verlauf“ und „Wer zentriert, verliert“ in Erinnerung bleiben, die quasi schon zu geflügelten Worten innerhalb des Colab geworden sind. Gerade weil Magda immer wieder betonte, dass diese Merksätze nie ohne Ausnahmen gelten, war es ein sehr offener und interessanter Workshop. Praktische Tools wie Adobe Kuler oder Gestaltungs- und Formattipps helfen sicherlich jedem regelmäßig Bloggenden weiter, seine Inhalte in Zukunft noch attraktiver zu gestalten.

  1. Virtual Reality

Andreas Weigel von diginetmedia reiste aus Schneeberg an, um beim Barcamp dabei zu sein. Sein Unternehmen macht bereits seit 16 Jahren 360°-Aufnahmen für Virtual Reality-Erlebnisse. Die neuesten marktreifen Technologien wie die Samsung Galaxy VR oder die Oculus Rift machen das Stück für Stück zu einem Massenmedium. Andreas hat seine Einschätzung zur Technologie gegeben und einige Arbeiten seiner Firma für die Tourismusbranche vorgestellt. Die Teilnehmer haben zudem einfache Papp-Brillen als Takeaway bekommen, mit denen sie VR nun an ihrem eigenen Handy ausprobieren können. Ganz ehrlich: Das fetzt!

  1. Geschäftsmodelle für Blogger

Diesen Vortrag gestaltete Thomas Wolf von dieSachsen.de, einem Portal, dass Nachrichten und Blogbeiträge aus dem Freistaat auswählt und zusammenstellt. Thomas stellte dabei sein neues Vertriebsmodell für Blogger vor, die für das Einbinden ihrer Beiträge je nach Klickrate zusätzliche Einnahmen generieren können. Dafür muss man sich lediglich auf der Seite registrieren.

  1. Diskussion: „Brauch ich jeden Scheiß?“

Gerade ist man mit Snapchat warm geworden, da rufen Early Adopter mit Tribe schon die nächste Trend-App aus. Aber ist das nicht auch wieder nur so ein Strohfeuer wie um ello, tsu, Peach und all die anderen „brandneuen Start-ups mit riesigem Potential“? Darum ging es in der Session „Brauch ich jeden Scheiß“, die kurzerhand von der frontalen Bühne in eine entspannte Sofa-Runde verlegt wurde. Hier trafen von „Ich bin neugierig und probiere alles aus“ über „Ich hab mehr als 120 Apps installiert, davon 17 Messenger“ bis hin zu „Ich bin des Digitalen müde, will nach dem Social Media-Tagesgeschäft lieber nur noch von Angesicht zu Angesicht kommunizieren“ die verschiedenste n Ansichten aufeinander; es wurden App-Tipps ausgetauscht und getestet, Xing vs. LinkedIn erörtert und Erfahrungen im Umgang mit Hypes berichtet.

  1. WordPress-Werkstatt

Ein spontanes Zweiergespann gestaltete hier einen Grundkurs über die wichtigsten Plug-ins für das Content-Management-System WordPress. Neben der AntispamBee wurden auch SEO-Tools vorgestellt, die die Inhalte in Suchmaschinen leichter auffindbar machen. Christoph Knaup, Mitgründer des Colab, erklärte auch die Funktionsweise von Ticket-Plug-ins, wie wir sie für unsere Veranstaltungen nutzen. Christian Adam von heimnetzen.de ergänzte die Auswahl an hilfreichen Werkzeugen mit seinen eigenen Erfahrungen und gab auch einen kurzen Einblick, wie man mit einfachen Mitteln ein Plus an Sicherheit für den eigenen Blog erreicht (bspw. über die .htaccess-Datei).

  1. Coworking – Arbeiten der Zukunft?

Auch wenn der letzte Vortrag bereits zu vorgerückter Stunde begann, konnte Tobias Schwarz vom Coworking-Unternehmen Sankt Oberholz in Berlin noch einmal viele Teilnehmer fesseln. Mit seinem Vortrag über neue Formen der Arbeitswelt stachelte er uns an: Ist Coworking Ausbeutung? Kann Coworking wirklich neue Ideen hervorbringen? Was macht einen Coworking-Space aus? Welche Arten von Coworking gibt es? Der Vortrag war sehr informativ und zeigte u.a., dass der Begriff des Coworkings eigentlich aus Deutschland kommt – hier aber im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern bislang noch eher gering entwickelt ist. Der Grund ist ironisch: Uns geht es zu gut, die Jobs sind zu sicher, um ein großes Bedürfnis günstiger Arbeitsplätze für Freischaffende zu erzeugen. Dass es aber um viel mehr geht, als nur einen Schreibtisch zu haben und eine gemeinsame Kaffeemaschine, ist vielen Zuhörern an dem Abend sicherlich zum ersten Mal aufgegangen. Die anschließende Diskussion war dementsprechend lebhaft und ideenreich. Nicht ohne Grund entwickelt sich gerade eine Diskussion auf Twitter zwischen ein paar Chemnitzer Akteuren, die die bestehenden drei Coworking-Spaces zumindest hinterfragen.

  1. Der Abschluss – Shure macht glücklich

Am Ende der Veranstaltung versammelte unser Hauptsponsor Shure, der mit umfangreichem Ton-Equipment, einem Vortrag und der Aufzeichnung der Veranstaltungen unterstützte, noch einmal alle Teilnehmer. Der Grund: Die Verlosung von 9 Kopfhörern. Der Jubel bei den Gewinnern war groß, der anschließende Test fällt einhellig aus: Klasse Tonqualität! Wir bedanken uns noch einmal herzlichst!

Und wo wir gerade dabei sind, dürfen natürlich auch die Sponsoren heiloo und dieSachsen.de nicht fehlen, die uns mit Getränken und finanzieller Unterstützung unter die Arme griffen. Auch das Kabinettstückchen und das Lokomov waren uns erneut zuverlässige Partner.

 

Das Fazit: Kleinvieh macht auch Mist

Was also können wir nach der Enttäuschung über die Anzahl der Gäste, nach acht spannenden Vorträgen und Diskussionen und vielen liebevollen Ermutigungen sagen? Wir können sagen: Es hat sich gelohnt. Jeder Einzelne, der da war, hat uns positives Feedback gegeben. Auf Twitter war gut Betrieb. Die Sponsoren waren nicht vergrämt, sondern standen zu uns. Und: Aus dem Event heraus sind viele wichtige Diskussionen entstanden und eine fühlbare Aufbruchsstimmung. Vielleicht waren es nur wenige Chemnitzer – aber diese sind von einzelnen Funken zu einer ersten Flamme geworden, die noch heißer für eine wirkliche „Stadt der Moderne“ kämpfen wird.

Ein Barcamp macht am Ende immer vor allem eins deutlich: Jeder bringt etwas mit, jeder hat ganz besondere Fähigkeiten und ganz besonderes Wissen, das es sich zu teilen lohnt. Wir haben erneut gesehen, dass es in Chemnitz da ist und dass es verbunden werden muss. Wir wollen gemeinsam mit den Akteuren der Stadt und Region, dem Kreativen Chemnitz, den Parteien und Verbänden, den Agenturen und Unternehmen, den Universitäten und Hochschulen, weiterhin in Kontakt treten und für den Standort werben. Und wir wollen weiter daran arbeiten, aus uns eine Bewegung zu machen, die die Stadt erfasst und das Thema „Digitalisierung“ zum Kernthema für noch viel mehr Menschen macht.

Das Colab macht weiter

Natürlich sind wir weiter für die Digitalszene von Chemnitz aktiv. Besucht uns beispielsweise beim kommenden Twittwoch am 6. April mit „Two far from home“ oder auf der 1. Sächsischen Blogger- und Onliner-Konferenz BSEN am 29. April 2016 in Leipzig. Dort sind wir auch mit einem Stand dabei, mehr dazu gibt es demnächst 🙂

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